07. Feb 2007: Das Auto ist tot

Heute ist Mittwoch. Nachdem ich in der vergangenen Nacht nicht gerade durchgeschlafen hatte, fiel es mir verdammt schwer aufzustehen, als der Wecker um 6:15 Uhr klingelte. Vielleicht hätte ich besser liegen bleiben sollen.

Angefangen hat alles bereits in der Nacht, als ich nach ca. 2 Stunden festem Tiefschlaf um kurz vor Mitternacht aufgeweckt worden bin. Wer mich kennt, weiß wie ich dann zu genießen bin. Ich hörte eine anscheinend im TV laufende spanische Talkshow, worüber sich meine Mitbewohnerinnen immer wieder lustig gemacht haben. Immer mal wieder in unregelmäßigen Abständen hörte ich dieses Gelache. Waren es mal 2 Minuten, dann wieder alle 30 Sekunden. Mir war da gar nicht zum Lachen zu Mute! Ich hätte ausflippen können. Ich wusste, ich muss in 6 Std. wieder aufstehen und konnte nicht schlafen. Jetzt hätte ich noch mehr ausflippen können. So langsam wusste ich, auch wenn es nun gleich wieder ruhig sein sollte, ich wäre hell wach…und ganz schlecht gelaunt. Also habe ich auch mein TV angeschaltet. Der lief dann jetzt auch etwas lauter als sonst. Selbst als es um 01:00 Uhr dann im benachbartem Wohnzimmer ruhig wurde. Im Fernsehen lief „Road Trip“…ein Film, der mich von meiner schlechten Laune runter holen sollte und bei dem ich dann mit eingestelltem SleepTimer wieder einschlafen konnte. Es muss ungefähr kurz nach 02:00 Uhr gewesen sein.

Als der Morgen dann anbrach, ich geduscht und mich in meinen Anzug für die Arbeit gezwängt hatte, machte ich mich auf den Weg zum Parkplatz. Es war 8 Minuten vor 07:00 Uhr. Um 7 ist Dienstbeginn. Mit dem Auto dauert der Fahrtweg knappe 2 Minuten…wenn es anspringt. Und da lag heute morgen der Hacken! Ich öffnete wie jeden Morgen erst die Beifahrertür , um von innen dann die Fahrertür öffnen zu können. Dann bin ich kurz um das Auto herum gelaufen um wie jeder Mensch mit einem funktionstüchtigen Griff an der Fahrerseite einsteigen zu können. Ich steckte den Schlüssel in das Zündschloss, drehte ihn und plötzlich sah ich nur für einen Bruchteil einer Sekunde alle Lichter im Armaturenfeld aufleuchten. Das war es dann auch schon. Ab diesem Zeitpunkt ging nichts mehr. Kein quälendes Motorgeräusch, vom vergeblichen Versuch des Startens, kein Radio, keine Zentralverriegelung, keine elektrischen Scheibenheber, nicht mal mehr ein Lichtlein leuchtete….einfach TOT. Ich versuchte den Vorgang des Schlüsselumdrehens noch zweimal. Vergeblich.

Was soll ich jetzt machen? Ok, dachte ich: Scheisse! Dann muss wohl das Fahrrad wieder aus dem Schrank geholt werden. Ich flitzte zurück nach oben. Die Zeit rannte gegen mich, es war nun haarscharf kurz vor 7. Ich griff zum Handy um im Hotel Bescheid zu geben, dass es bei mir etwas später wird. Habe mich wieder aus dem Anzug gepellt und mir bequemere Sachen fürs Fahrad angezogen. Den Anzug in den Rucksack gestopft und schon ging es los. Mit eigener Körperkraft bin ich dann 07:12 Uhr am Hotel angekommen. Mein Hals schwillte und pochte förmlich. Als ich mich vor einigen Jahren mal habe tätowieren lassen, da sagte man zu mir, dass während der Tätowierung meine Halsschlagader richtig zum Vorschein gekommen ist. Ungefähr so muss das heute morgen wieder bei mir ausgesehen haben! Immer wieder schossen mir die Gedanken durch den Kopf:
„Du hast dieses Auto erst seit 2 Wochen!“
„Gerade mal 300 Dollar für neue Reifen investiert!“
„Ein neues Autoradio ist auch drin!“
„Jetzt schon kaputt, jetzt nach 2 Wochen, jetzt schon nachdem ich erst 9 mal zur Arbeit gefahren bin und erst 2 mal am Strand war?!“
„WARUM?“ „Warum das mir???“

Aus meinen Gedanken gerissen wurde ich, als ein Gast sagte, er möchte doch gern von mir auscheckt werden. Jeder Gast, ob direkt vor mir oder am Telefon, hatte es heute nicht leicht mit mir. Denn ich war gar nicht freundlich. Im Gegenteil, alles war einfach zuviel heute und alles widerte mich nur noch an!

Die Spekulationen, was denn das Problem an meinem Auto wäre, liefen heiß: die Batterie, die Lichtmaschine, der Anlasser….einer von denen würde wohl das Rennen machen!

Ich stand da und ich hatte keine Lust mehr.
Keine Lust mehr mich um das verdammte Auto zu kümmern: das Thema Auto hat mir in den vergangenen Wochen wirklich genug Ärger und Sorgen gemacht.
Keine Lust mehr auf die Arbeit: auf dieses blöde vergammelnde Rumstehen an der Rezeption und permanente Lächeln müssen.
Keine Lust mehr auf die Wohnsituation: Das Nachts nicht Schlafen können, das laute Organ der Tochter und obendrein noch dieser kleine dämliche Hund, der permanent mit seinen Krallen über den Laminatboden schliddert.

Ich breche ab, ich fliege nach Hause. Ich habe die Schnauze voll. Auf all diese Erfahren war ich nicht gefasst und ehrlich nicht scharf darauf, diese zu machen!
Irgendwann verlässt einem auch die innere Kraft, weiter zu kämpfen. Und trotzdem immer wieder einen Schlag ins Gesicht zu bekommen, ohne mal einen kleinen Erfolg für sich feiern zu können.

Ok, Nico, versuche einen kühlen Kopf zu behalten!!! „Wenn du heute nach Hause kommst, meldest du dich erst einmal beim American Automobil Club („AAA“) an. (Ähnlich wie der deutsche ADAC.) Der kostet dich 60.00 USD/Jahr. Nachdem du dann deine Mitgliedsnummer hast, rufst du dort an und lässt dir einen Mechaniker auf den Hof kommen, der sich das ganze Wrack einmal anschaut. Sollte die Reparatur mehr als 500 Dollar kosten, dann wird der Rückflug gebucht. Dann ist Mitte April, nachdem ich den ersten Besuch aus Deutschland bekommen habe, alles vorbei. Ich kann es mir nicht leisten Unmengen an Geld in ein Auto zu investieren, vielleicht sogar noch meine Reserven für den Neuanfang in Deutschland aufbrauchen? Nein, das ist es mir hier nicht wert. Da wird einfach im April zwei Wochen lang ein Mietwagen geholt und Florida erkundet und das war es dann.“

Ich habe heute sogar schon nach passenden Rückflügen im Internet gesucht, weil ich dachte, das wird nichts mehr mit dem Auto. Es sei mir einfach nicht gegönnt, ein Auto im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu fahren.

Es war kurz nach 15:00 Uhr, als ich vom Hotel wieder zu Hause war. Das Fahrrad wurde in den Schrank geschoben, der PC hochgefahren und eine Banane habe ich gegessen. Anschließend loggte mich auf der Webseite des "AAA" ein und beantragte dort mit Hilfe meiner Kreditkarte die Jahresmitgliedschaft. Das sollte ich noch einmal investiert haben, das kann nicht schaden. Die Mitgliedsnummer liegt mir jetzt vor. Eine entsprechende Plastikkarte wird mir laut Anmerkung in den kommenden 14 Tagen zugeschickt. Plötzlich klingelte das Telefon. Es war Jan. Wahrscheinlich hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er mich den ganzen Tag etwas aufgezogen hat, mit meinem Glück, was das Auto anbelangt. Zwischenzeitlich war ich auf der Arbeit schon so geladen, das ich selbst ein: „Ich hau´ dir gleich eins in die Fresse!“ mit nicht mehr ganz scherzhaftem Ton über die Lippen gebracht habe. Jan fragte mich, ob wir nicht einmal die Batterie ausbauen sollten, um diese bei einer Werkstatt auf Funktionstüchtigkeit prüfen zu lassen. "Klar", sagte ich, "können wir machen!". Viel Hoffnung auf Erfolg verspürte ich nicht, aber es konnte ja auch nicht schaden. Kurze Zeit später trafen wir uns auf dem Parkplatz. Bewaffnet mit Werkzeug fing Jan dann an die Batterie auszubauen. Das ging alles schneller als ich dachte. Im nächsten Moment hatte ich die Batterie schon zwischen meinen Füssen stehen, während ich auf dem Beifahrersitz seines Autos Platz genommen hatte. In der Werkstatt um die Ecke angekommen hat eine Mechanikerin die Batterie angeschlossen. Nach 3 Minuten war der Diagnosevorgang beendet. Die Batterie schien in Ordnung zu sein. Mit einem freundlichen Lächeln und einem Danke verabschiedeten wir uns. Wieder zurück auf dem Parkplatz öffnete ich die Motorhaube meines Autos. Jan baute die Batterie wieder ein. Da wir uns nicht ganz sicher waren, ob plus oder minus zuerst angeschlossen wird und die Gefahr bestand, einen elektrischen Schlag zu bekommen, zog sich der mutige Jan Handschuhe an. Eingesetzt, Halterung über der Batterie festgeschraubt, Plus und Minus Pole angeschlossen, fertig. Ich setzte mich ins Auto und steckte den Schlüssel in das Zündschloss. Nun sollte der große Moment kommen. Ehrlich, Jan und ich glaubten nicht daran, dass es funktionieren sollte. Ich drehte also den Schlüssel um, und siehe da, es hatte den gleichen Effekt wie heute morgen. Ein kurzes Aufblitzen aller Lichter im Armaturenfeld und das war es. Leider kein anspringender Motor. In diesem Moment wusste ich, wenn ich morgen früh wach werde, kann ich das Rückflugticket nach Berlin schon fast in meinen Händen halten. Was auch immer Jan in diesem kurzen Moment meines Gedankens dazu bewegt hat, seinen Zeigefinger auf den Pluspol der Batterie zu drücken, dass muss wohl was Höheres gewesen sein. Auf jeden Fall danke ich Jan dafür noch einmal ganz herzlich. Denn in diesem Moment leuchteten plötzlich wieder all die kleinen bunten Lichter im Auto. Der Schlüssel stand immer noch auf Zündung. Noch einmal zurückgedreht und wieder auf Zündung gestellt und der Motor startete. Ein riesiger Stein Erleichterung viel von mir! Da war also der Fehler: der Kontakt! Da hatte sich doch tatsächlich das Kabel nur etwas von der Manschette gelöst, welche an die Batterie angeschlossen wird. Das war das ganze Problem, was das Auto nahezu tot dastehen ließ! Nun noch einmal ein wenig hin und hergeschraubt, kurz noch zwei weitere Schrauben von der Werkstatt um die Ecke geholt und den Kontakt fixiert und fertig waren wir. Das Auto lief wieder und ich legte meine Rückreisepläne nach Deutschland vorerst wieder auf Eis.

Nun sitze ich hier und lasse alles vom heutigen Tag noch einmal Revue passieren. Was für ein Tag!!! Von Gefühlen war heute alles dabei, was geht: von Wut, über Enttäuschung, Heimweh, Gleichgültigkeit bis hin zu überraschender Freude, Erleichterung, Motivation und Glücklichkeit.

Und es war auf jeden Fall richtig dem "AAA" beizutreten, denn sollte ich mit dem Wagen demnächst mal wieder eine Panne haben (und diese wird kommen!), dann bin ich wenigstens etwas abgesichert.

Ich habe Jan dann noch auf eine Probefahrt zu T.G.I. Fridays eingeladen, wo wir uns noch etwas zum Abendbrot gegönnt haben. Danke Jan!
Der Übertäter: Der Kontakt zwischen Batterie und Kabel!