13. Jan 2007: Unterwegs auf Schrottplätzen

In dieser Woche habe ich eine ganze Menge von Erfahrungen gesammelt, auf die jeder gut und gerne verzichten könnte. Am Anfang dieser Woche habe ich meinen Mietwagen von Enterprise rent-a-car abholen dürfen. Es ging dort alles einfacher als ich dachte. Kreditkarte und Driver License über den Tresen geschoben und schon hatte ich meine Autoschlüssel in der Hand. Man hat mir für den Mietzeitraum von Mo 12:00 Uhr bis Fr 12:00 Uhr einen Betrag von 272.00 USD berechnet. Dafür gab es dann auch noch ein kostenloses Upgrade für einen Wagen, der zwei Klassen höher liegt, als der, den ich eigentlich im Vorfeld reserviert hatte.



Mein Mietwagen: Chevrolet Cobalt LS



Und los ging es, denn ich wollte in dieser Woche ein eigenes Auto für mich finden. Der erste Weg führte mich an den Strand. Ich wusste, dass ich dort kein Auto finden würde. Aber das musste ich einfach machen. Nach einer Stunde fett in der Sonne gelegen packte mich dann das eigene schlechte Gewissen und ich machte mich auf. Entlang der Strasse 441 war ein Autohändler nach dem Nächsten. Eine gute Chance einen passenden Wagen finden. Bei dem ersten Händler schaute ich mir die Fahrzeuge auf dem Hof an, als sofort ein Verkäufer auf mich zu kam und mir Hilfe angeboten hat, die ich verneint habe. Seinen Namen sagte er mir auch, aber den habe ich wieder vergessen. Einen Augenblick später dachte ich mir, wenn er dir schon Hilfe angeboten hat, dann frage doch mal nach. Ich dann also voller Selbstbewusstsein auf ihn zu mit einer allgemeinen Frage: In welchem Preisrahmen liegen denn deine Gebrauchtfahrzeuge? Nun, ich war da wohl an den Falschen geraten, denn dieser hier verkauft nur Fahrzeuge ab 7000.00 $ und mehr. Das lag mit knapp 5000.00 $ über meinem Budget. Aber der nette Mann nannte mir dann einen Autohändler, der Wagen im Rahmen von 2000.00$ und mehr anbieten würde. Habe mir zweimal die Wegbeschreibung erklären lassen und es trotzdem nicht gefunden. Dafür habe ich dann das Ghetto kennen gelernt und später auch noch einen anderen Car Dealer gefunden, der billige Autos verkauft. Eigentlich waren es mehr teure Autos für den Schrott, der auf seinem Parkplatz stand. Mit meinen Erfahrungen vom Autokauf in Deutschland und von Gebrauchtwagen im Wert in 2000.00€ kann man noch gute 2 oder 3 Jahre umher fahren. Mit dem was hier für den gleichen Wert angeboten wird, würde ich wahrscheinlich noch nicht mal zurück zum Appartement kommen! Nun es war noch nicht aller Tage Abend…es gibt ja auch noch das Internet.

Später an diesem ersten Tag habe ich es dann noch genossen in den Supermarkt zu fahren. Hier habe ich mal mehr eingekauft, als nur eine halbe Gallone Milch und eine zwei Liter Flasche Cola. Denn diesmal brauchte ich mir keine Sorgen machen, wie ich diese Sachen an meinem Fahrrad Lenker nach Hause transportiere. Das war schön!

Vor dem Internet gehockt und ca. 300 Gebrauchtwagen durchgeklickt. Ich habe dann ca. 11 Fahrzeuge von Privaten Verkäufern herausgesucht. Wen du mal gucken will, was auf dem Markt so angeboten wird:
www.autotrader.com (Postleitzahl 33324, Used Cars anklicken, Radius 10 Miles und einfach eine Preisspanne von 1500 – 2500$ eingeben!). Milege bedeutet: gefahrene Miles (Umrechung: 1 Mile = 1,69 km). Bei den Händler Erfahrungen vom ersten Tag bin ich davon ausgegangen, dass die wohl einen gebrauchten Wagen für nur 600.00$ ankaufen müssen (mehr dürfte dieser Schrott nicht wert sein) und dann für 2000.00$ verkaufen…..das wird wohl auch so sein….also besser vom Privaten gekauft.

Am Dienstag bin ich dann hoch motiviert aufgestanden. Ich habe gefrühstückt und dann begonnen die herausgesuchten Fahrzeuge abzutelefonieren. Der erste Wagen, ein Hyundai Elantra Baujahr 97 silber mit 74.000 Milen auf dem Tacho (119.000 km) für 2100.00$ war noch zu haben. Später bei der Probefahrt habe ich dann gemerkt, warum noch keiner diesen Schrott gekauft hat. Bremsfähigkeit gleich null, ein Nagel im rechten Reifen, dunkel schwarzer Qualm aus dem Auspuff, Türverriegelung der Fahrerseite von innen halb kaputt gebrochen. Das waren so die ersten Sachen, die mir aufgefallen sind und die mich dann schnell dazu gebracht haben, dieses Auto nicht zu kaufen.

Ich stellte mir die Frage, wie können die für solchen Schrott noch soviel Geld verlangen????????
(Im Übrigen, diese Frage stellte mich mir die ganze Woche. Morgens als ich aufgewacht bin bis abends als ich eingeschlafen bin…..und wahrscheinlich im Schlaf weiter……)

Der zweite und der dritte Wagen waren bereits verkauft. Das war echt schade. Die hätte ich gern mal gesehen. Beim vierten, mhmm, der war zwar auch verkauft aber der Typ am anderen Ende der Telefonleitung sagte mir, das er noch zwei andere von dieser Marke hätte. Die wären wohl etwas teurer, aber die musste ich unbedingt sehen. Erst viel später erleuchtete ein helles Licht über meinem Kopf meine schmalen Gehirnwindungen. Die Händler setzen tolle Bilder von Fahrzeugen mit tollen Angaben zum unschlagbaren Preis als „Private Verkäufer“ ins Internet. Diesen Wagen gibt es gar nicht zu kaufen, von daher ist dieser immer schon weg, wenn man nachfragt. Aber man kauft dann vielleicht einen anderen….einen anderen Schrotthaufen auf diesem amerikanischen Automarkt.

So endete dann dieser zweite Tag. Nur teuren Schrott gesehen und gefahren. Nichts brauch bares dabei. Es klappt hier halt nie etwas beim ersten Mal. Ziemlich nieder geknickt und frustriert bin ich dann eingeschlafen. Hinzu kommt noch, dass ich etwas unter Zeitdruck stehe, denn nun waren meine zwei freien Tage bereits vorbei. Ab Mittwoch muss ich wieder arbeiten, dann habe ich nicht mehr soviel Zeit genau zu gucken. Um genau zu sein nur noch Mittwochvormittag und Donnerstagnachmittag.

Am Mittwochmorgen dann bekam ich einen Anruf. Es war ein Bekannter von Naya, meiner Mitbewohnerin. Er sagte, dass er ein Auto zu verkaufen hätte und dass er innerhalb der nächsten 30 min unten auf dem Parkplatz stehen könnte, um mir den Wagen zu zeigen. Cool dachte ich, besser und bequemer kann es gar nicht gehen. Als er wieder anrief, um mir zu sagen, dass er angekommen ist, schlug mein Herz ziemlich schnell. Immer wieder dachte ich mir: „Bitte lass es ein Wagen sein, der ok ist?!“ Als ich um die Ecke kam sah ich von weitem schon den Rost blitzen. Jetzt nur nicht voreingenommen sein!!! Einmal um das Auto herum gelaufen, hier und da mal etwas skeptisch geguckt. Abgesehen vom Rost und einem linken Vorderreifen, der mal aufgepumpt werden müsste, sah der Wagen ganz ok aus (im Vergleich zu allem was ich vorher hier zu Gesicht bekommen habe, was in meinem Preisrahmen liegt.) Er wollte 2000 Dollar haben – damit kommt dann auch ein tolles Radio. Ohne Radio 1700 Dollar. Mir war gleich klar, wenn dann ohne Radio. Nach einer kurzen Probefahrt war ich nicht 100%ig überzeugt von dem 96.000 Miles gelaufenden Wagen. Also sagte ich zu Alberto, ich würde mal eine Nacht drüber schlafen und mich melden. Als ich dann wieder in meinem Zimmer angekommen war, war ich fest davon überzeugt, denn Wagen nicht zu nehmen.

Mit der Hoffnung doch noch etwas Besseres zu finden, machte ich mich noch einmal auf den Weg zu den Autohändlern an der Interstate 441. Und schub diwup da stand er plötzlich: ein silberfarbener Honda Civic. Tolles Auto für 2500 USD. Vom Händler kurzerhand die Schlüssel geben lassen und eine Probefahrt gestartet. Beim Anlassen hörte ich schon ein kräftiges Quitschen und Schleieren. Der Händler sagte, dass wäre der Keilriemen. (Ich glaube das hat er gemeint, aber ich bin mir mit meinem Englisch nicht so sicher, was Autoteile angeht!) Wie auch immer, das kam mir schon spanisch vor. Aber gefahren ist er ganz gut, bis auf das gelegentliche Gequitsche aus dem Motorraum.
Ich sagte zu ihm, ich würde am Donnerstag mit einem Bekannten noch einmal wieder kommen.
Was dann an diesem Mittwochvormittag noch passiert ist, ist nicht der Rede wert. Man kann es sich ja fast denken, oder?

Donnerstagnachmittag: Jan und ich wieder auf dem Weg zum Honda Civic Händler. Dort angekommen zeigte ich Jan das Auto. Ich dachte mir nur so: Man, der wäre echt genau das Richtige! Nur leider ist dieser Wagen heute von allein schon gar nicht mehr angesprungen. Erst als einer der Mechaniker mit einem großen organge-farbenen Bollerwagen aus der Werkstatt kam, um Starthilfe zu geben, ja erst dann hörte ich wieder das Quitschen. Jan schüttelte nur den Kopf. Nein, der soll es nicht sein. Nicht für 2500 Dollar - da sind die nächsten 2500 Dollar bereits für Reparaturen festgeschrieben.
Und plötzlich dachte ich nur noch so in meiner Verzweiflung: Der Wagen von Alberto vom Vortag war doch eigentlich gar nicht so schlecht! Also habe ich Alberto angerufen. Jan sagte ich solle schon mal den Preis noch ein wenig drücken. Nun, was hatte ich zu verlieren?: Ich sagte zu Alberto: Hast du Zeit uns den Wagen noch mal zu zeigen? Für 1500 Dollar würde ich ihn dann glatt nehmen. Er sagte ok, dann treffen wir uns gleich! Ich freute mich so sehr! Wahnsinn: für 1500 Dollar ein Auto.
Eine knappe Stunde später kam Alberto dann auf den Parkplatz vor meinem Appartementhaus gefahren. Der linke Vorderreifen war nun schon platt! Nix von wegen: „Da ist nur ein wenig die Luft raus, weil der Wagen 2 Monate gestanden hat!“ Der hat ein Loch – und das auf jeden Fall! Jan begutachtete den Wagen. Ich setzte mich noch mal rein und begutachtete den Innenraum. Mit einem Mal ist mein Unterkiefer nach unten geklappt. Was war das denn? Da war die Zahl 1 vor 96.000 fast verschwunden, die Zahl 2 war schon fast sichtbar. Sollte es etwa heißen, ich sitze da in einem Auto, welches 196.000 Miles gefahren hat? In Kilometern sind das „schlappe“ 315.431 !! Hast du schon einmal ein Auto in Deutschland gesehen, welches über 300.000 Kilometer gefahren ist? Ich bis zu diesem Tag jedenfalls nicht! Dieses Auto ist 7,8 mal entlang dem Äquator um die Welt gefahren – kann man sich das vorstellen?
Ab diesem Zeitpunkt könnte ich mir nun nicht mehr vorstellen, diesen Wagen noch knapp 1 Jahr zu fahren. Jan scheuchte Alberto mit diesem Wrack vom Hof und ich stand da wie ein Häufchen Elend!

Um mich kurz zu fassen: die Woche war vorbei und ich habe noch immer kein Auto. Mir wurden in dieser Woche Autos angeboten, die keine Heckscheibe mehr hatten, wo der Fahrersitz aufgeschlitzt war, Autos mit Nägeln in den Reifen oder wahre Weltumrunder! Was ist das hier? Ein schlechter Traum?

Es war ein tolles Gefühl mit dem Mietwagen mobil zu sein! Umso schlimmer ist das Gefühl, wenn dir die Mobilität und damit die Freiheit wieder entzogen wird. Es bleibt nur noch Frustration. Frustration darüber, dass man eine Woche lang Erfahrungen gesammelt hat, die man eigentlich überhaupt nicht braucht. Was soll ich sagen, es heißt für unbestimmte Zeit erst einmal weiterhin: „Feste in die Pedalen treten!“